Wenn der Glaube belastend wird . . .

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Mit dem Glauben ist es wie mit der Liebe: Es geht um ganz tiefe persönliche Beziehungen und Zusammenhänge – um höchste Erfüllung und Glück. Aber es gibt auch eine Kehrseite. Mit beiden können auch sehr viele Konflikte und große Belastungen verbunden sein.
Was die Liebe anbetrifft, da sammeln wir alle mehr oder weniger viele eigene Erfahrungen, die wir dann hoffentlich auch gut verarbeiten können. Wo das nicht so gut gelingt, ist es sehr ratsam, seelsorgerische oder therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um wieder aus den ungesunden Kreisläufen rauszukommen, in die wir manchmal hineingeraten.
Doch wie ist es mit den Verstrickungen beim Glauben?  Auch da können wir in Schieflagen geraten, die wir in der Regel weniger bei uns selbst, aber sehr wohl bei anderen wahrnehmen.

Eine solche Schieflage in Bezug auf den Glauben spricht unser heutiger Wochenspruch an: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mat11,28)

Da geht es nicht um die allgemeinen Beschwernisse des Lebens, sondern um die Belastungen, die auch und gerade der Glaube mit sich bringen kann.
Bei den Zeitgenossen Jesu war es das Joch der vielen religiösen Vorschriften, nach denen sich die Menschen richten mussten.
Bei Luther waren es die schweren inneren Gewissensqualen und die Angst vor dem strafenden Gott und  der ewigen Verdammnis.
Bei uns ist es wohl eher eine gewisse Unsicherheit und Zerrissenheit:  Was können und sollen wir denn heute eigentlich (noch) glauben? Und wie lässt sich das in rechte Worte fassen und an andere – z.B. die eigenen Kinder und Enkel – weitergeben?  Dazu kommen heute das Misstrauen und die Kritik von außen.
Das alles kann unseren Glauben mühselig  und belastend machen, und das ist ganz und gar nicht im Sinne Jesu. Da hat er etwas dagegen.

Allen, die am Glauben leiden, gilt seine Einladung:  Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Aber wie macht er das mit dem Erquicken?
Die Antwort klingt möglicherweise überraschend. Jesus lädt uns zum Lernen ein.
Im unmittelbaren Fortgang unseres Wochenspruchs sagt er:
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mat11,29f)
Es geht dabei um ein lebensnahes Lernen. Um dieses Lernen anzustoßen erzählt er Geschichten aus dem Leben, die uns zu einem Umdenken bewegen und auf diesem Weg aus festgefahrenen Situationen befreien wollen.

Ein Beispiel für eine solche Geschichte finden wir in Lukas 14,16-24:
Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

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Erquickung, Entlastung, Befreiung durch Umdenken und in der Folge dann auch durch ein neues Verhalten. Der Gastgeber hätte sein Fest auch abblasen können. Er hätte wieder einmal die Bestätigung in den Vordergrund stellen können, dass auf die Anderen eben doch kein Verlass ist. Er hätte sich beleidigt zurückziehen können und Nie wieder! sagen können.  Seine Enttäuschung kann und will er nicht verbergen. Er sieht die sehr ernüchternde Situation ganz nüchtern an. Aber er lässt sich sein Fest und seine Lebensfreude davon nicht kaputtmachen. Er geht auf die Menschen zu und lädt ein. Wer kommt, der kommt. Und das ist gut so.
Das ist das Befreiende und das ist auch eine Lernmöglichkeit.

Auch im Glauben stehen wir immer wieder vor Situationen, wo es nicht mehr wie eigentlich gewohnt und geplant und gewünscht und erwartet weiterzugehen scheint.  Jesus hat das ganz genau im Blick. Das erste Wort, das er nach Markus, dem ersten und ältesten der vier Evangelien sagt, ist eine Aufforderung zum Umdenken und Umkehren. In der Übersetzung der Guten Nachricht heisst die Stelle aus Markus 1,15:  
Es ist so weit: Jetzt wird Gott seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden.
Ändert euer Leben und glaubt dieser guten Nachricht!

Der Jenaer Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch hat dafür 1989 folgende Worte gefunden, die unter Nr. 395 in unser Gesangbuch Einzug gehalten haben:

1. Vertraut den neuen Wegen, / auf die der Herr uns weist, / weil Leben heißt: sich regen, / weil Leben wandern heißt. / Seit leuchtend Gottes Bogen / am hohen Himmel stand, / sind Menschen ausgezogen / in das gelobte Land.
2. Vertraut den neuen Wegen / und wandert in die Zeit! / Gott will, dass ihr ein Segen / für seine Erde seid. / Der uns in frühen Zeiten / das Leben eingehaucht, / der wird uns dahin leiten, / wo er uns will und braucht.
3. Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.

Das ist ein dynamischer Glaube, der sich nicht an bisherigen Gewohnheiten festklammert.  Ein Glaube, der nicht sagt: Das haben wir doch immer so gemacht und das muss auch so bleiben!   Ein Glaube, der das Gottvertrauen über das Altvertraute der Menschen stellt.

Gottvertrauen! Das klingt und sagt sich so schön! Aber wenn es darauf ankommt, ist es immer wieder ein Aufbruch und ein großes Wagnis. 

Ich erinnere mich noch sehr gut an den großen sächsischen Kirchentag, der 1983 genau das zum Thema gemacht hat: Vertrauen wagen!  Es war der 500. Geburtstag Martin Luthers. Es war ein wichtiges Jahr im Ost-West-Konflikt. Damals ging es um die weitere Aufrüstung, die auch Nachrüstung genannt wurde. Und es war ein Jahr des Aufbruchs für die  Kirche in der DDR, die zunehmend aus ihrer Nische kam und sich in der erstarrten Gesellschaft mehr und mehr zur Sprecherin für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung machte.

Leicht war das nicht. Es gab viele kritische Diskussionen.
Und es hat viele Menschen mit neuer Hoffnung und neuem Mut erfüllt.

In Abwandlung eines bekannten Wortes von Karl Marx lässt sich sagen: Wenn das Gottvertrauen die Herzen der Menschen ergreift, führt es auch zur Erneuerung in der Gesellschaft.
Und dann zeigt sich, dass Gottes Schöpfermacht noch nicht am Ende ist.

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Von Jesus lernen und mehr Gottvertrauen wagen. Das war ein geistlicher Aufbruch am Ende der langen politischen Eiszeit in den achtziger Jahren.
Inzwischen sind fast 40 Jahre vergangen, und die Situation hat sich völlig verändert.  Globale Krisen prägen unsere Zeit und erhitzen auch die Gemüter der Menschen. Das Gefühl zunehmender Unsicherheit, wachsende Ängste und der Streit um Recht und Wahrheit haben zu bedrohlichen Spaltungen in den Gesellschaften geführt. Hassbotschaften. Shitstorms. Bricht jetzt in den Herzen der Menschen ein Tsunami aus?

Wo ist das Gottvertrauen hin? Wo ist Gott? Wo suchen wir ihn heute?

Darüber gibt es recht unterschiedliche Ansichten. Auch in unserer Kirche – gerade in unserer sächsischen – gibt es Spaltungen und Gräben. Die Kehrseite des Glaubens äußert sich in Spannungen und Konflikten. Was ist der richtige Weg? Worauf kommt es jetzt vor allem an?

Auch bei diesen belastenden Fragen können wir in der Bibel Erquickung finden und aus dem Wort Gottes lernen, was uns weiterhilft. Ein Beispiel dafür gibt uns Paulus mit der Gemeinde von Korinth, wo es eine bunte Vielfalt geistlichen Lebens, aber eben auch große Spannungen und Spaltungen unter den Gemeindegliedern gab.
Ein besonderes Phänomen war dabei das sogenannte Zungenreden, eine sehr bewegte Form des Glaubens, die sich in einem ekstaseartigen Lallen äußerte, das andere aber nicht verstehen konnten. War das nun eine höhere Art von Frömmigkeit und ein Ausdruck tieferen Glaubens?

Darüber gab es aufgeregte Diskussionen. Paulus schreibt dazu (1.Kor14,1-12 in Auszügen):  
Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde…
Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. Es gibt so viele Arten von Sprache in der Welt und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich den nicht verstehen, der redet, und der redet, wird mich nicht verstehen. So auch ihr: da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr die Gemeinde erbaut und alles reichlich habt.
Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? …

Strebt nach der Liebe!
Bemüht euch um Verständlichkeit! Liebe hat sehr viel mit Verstehen zu tun.
Erbaut und berauscht euch nicht nur selbst, sondern geht hin in alle Welt und macht das Evangelium, die gute und klare Wahrheit von der Liebe Gottes für alle Menschen hörbar.

Darin ist Paulus zu einem Nachfolger Jesu geworden und darauf kommt es auch heute beim Glauben vor allem an:
Aus der Liebe Gottes leben,
von Jesus lernen und
in seiner Nachfolge handeln.
So geht Versöhnung. Amen.   

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