Wie heilig ist uns die Heilige Dreifaltigkeit?

1.

Mit dem Sonntag Trinitatis ist die Zeit der drei großen Feste von Weihnachten, Ostern und Pfingsten vorüber.
Nun folgt die lange Trinitatiszeit, die sich bis zum Ende des Kirchenjahres erstreckt. 
Der Tag der Heiligen Dreifaltigkeit stand bisher unter dem Leitwort Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. (Jesaja 6,3). Seit Einführung der neuen Ordnung gottesdienstlicher Texte und Lieder am 1. Advent 2018 dient als neuer Leitsspruch die trinitarische Segensformel mit der Paulus seinen 2. Brief an die Korinther abschließt: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! (2.Kor13,13)

Mit dieser Dreiheit haben wir es im christlichen Glauben immer wieder zu tun, nicht nur bei dieser und anderen trinitarischen Segensformeln. Denken wir nur an die drei Artikel unseres Glaubensbekenntnisses und vor allem auch an die Taufe, die im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes erfolgt. 

Aber was bedeutet das genauer:
Ist die Heilige Dreifaltigkeit oder auch Dreieinigkeit nur eine Art Kurzzusammenfassung für Vater, Sohn und Heiliger Geist oder steht mehr dahinter?

Vielleicht reagieren manche auf diese Frage mit der Gegenfrage: Haben wir denn heute keine anderen Probleme?  
Die haben wir in der Tat!  Und doch war und ist die scheinbar ebenso schwierige wie weltfremde Frage nach der Trinität Gottes von grundlegender Bedeutung für das Verständnis und für die Praxis des christlichen Glaubens.    

Als sich das junge Christentum in der vom hellenistischen Denken geprägten Welt des römischen Reiches ausbreitete und im vierten Jahrhundert von einer verfolgten Glaubensgemeinschaft zur Staatsreligion avancierte, wurde die Frage nach dem Wesen der Trinität zur entscheidenden Glaubensfrage, über die mit großer Leidenschaft gestritten wurde. Kaiser Konstantin der Große berief dazu 325 das erste ökumenische Konzil nach Nicäa ein. Dort wurde das Bekenntnis von Nicäa formuliert. Doch der Streit, der inzwischen auch von Machtfragen mitbestimmt wurde, ging weiter, bis 381 unter Kaiser Theodosius dem Großen in Konstantinopel das zweite ökumenische Konzil stattfand. Dort wurde das Nicänum im wesentlichen bestätigt und damit eine entscheidende Weiche für die weitere Entwicklung der kirchlichen Glaubenslehre gestellt. 

Wir finden das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel heute im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 805 und verwenden es manchmal an hohen kirchlichen Feiertagen im Gottesdienst. Seine ehemals umstrittenen Kernaussagen liegen in der Betonung der Wesenseinheit von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, und dem Heiligen Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Das berühmte filioque (lateinisch für und dem Sohn) in der letzten Teilaussage wurde später hinzugefügt und wird von den orthodoxen Kirchen nicht mitgetragen. Es trägt bis heute zu der großen Spaltung zwischen Ost- und Westkirchen bei.

2.

Seither sind rund eintausendsiebenhundert Jahre vergangen. Dazwischen gab es die Reformation, die zu einer weiteren Spaltung zwischen den Kirchen des Westens geführt hat. Und seit dem Beginn der sogenannten Neuzeit und in der Moderne hat sich unser Denken und Leben so stark verändert, dass auch der Glauben davon nicht unberührt geblieben ist. Wenn er in der Welt gelebt werden will, kann er sich nicht gänzlich außerhalb der Zeit bewegen, die er doch mitgestalten und in der er Verantwortung übernehmen soll. 

So kommt heute dem Dialog und der Verständigung zwischen den Weltreligionen eine neue und dringliche Bedeutung zu. Aus der Perspektive des Judentums und des Islams, die beide einen strengen Monotheismus vertreten, erscheint der Glaube an eine Heilige Dreifaltigkeit wie eine Infragestellung des Glaubens an einen einzigen Gott.  

Damit stellt sich wie von selbst die Frage, wie heilig uns die Lehre von der Heiligen Dreifaltigkeit heute noch ist: 
Ist die Trinitätslehre für uns mehr als ein historisches Relikt? Ist sie vielleicht sogar ein historischer Ballast, den wir abwerfen sollten, um leichter und  befreiter glauben und Brücken der Verständigung bauen zu können?

Wer die Bedeutung der alten Zusammenhänge nicht mehr versteht und sich damit schwertut, wird leicht zu dieser Auffassung gelangen. Sollen wir etwa aus bloßer Traditionsverbundenheit ehrfürchtig wiederkäuen, was uns längst nicht mehr verdaulich zu sein und jeden Nährwert verloren zu haben scheint?
Aber leichtfertig werden wir auch nicht aufgeben wollen, was über so lange Zeit geradezu als Fundament des christlichen Glaubens gegolten hat.

Damit befinden wir uns in einer für unsere Kirche typischen Zwischensituation, die manche auch an persönliche Erfahrungen im privaten Leben erinnern wird: Wir schleppen vieles mit, von dem wir uns einerseits nicht so einfach trennen mögen, mit dem wir aber andererseits auch nicht mehr viel anfangen können. Deshalb empfinden wir es als etwas, das uns sowohl innerlich als auch äußerlich beschwert. Wenn wir in einer solchen Situation bei erfahrenen Menschen Rat suchen, werden wir sehr wahrscheinlich zu hören bekommen, dass wir zunächst erst einmal sehr genau prüfen sollten, was uns an dem alten Stück liegt und wofür es gut sein könnte, bevor wir uns davon trennen.

Diesen Rat gilt es auch und gerade auch bei einem so zentralen Stück unseres Glaubens, wie es die Rede von der Heiligen Dreifaltigkeit darstellt, zu beherzigen. Kann es – überraschenderweise – vielleicht sogar sein, dass uns die alte und oft schwer verständlich erscheinende Trinitätslehre in einer Zeit, in der der Glaube an Gott überaus fraglich geworden ist, neue Impulse und Antworten zu geben vermag?
Eine Reihe von Ansätzen in der gegenwärtigen Theologie machen uns in dieser Hinsicht neue Hoffnung.

3.

Erschien es in früheren Zeiten allgemein als selbstverständlich und vernünftig, mit Gott zu rechnen, so ist es heute umgekehrt: Aus der Sicht unseres menschlichen Erkennens, Wissens und Verstehens lässt sich Gott nicht ableiten. Die Beweislast liegt jetzt nicht mehr bei denen, die Gottes Existenz bestreiten, sondern bei denen, die auch heute noch von und zu ihm und in seinem Namen reden. 

Wie lässt sich dieser grundlegende Wandel überhaupt erklären?
War die Aufklärung etwas Frevelhaftes? Sind die Menschen dabei  vom Glauben abgefallen und gottlos geworden? Sollten wir deshalb umkehren, im Sinne von dahinter zurück? Solche Gedanken sind nicht nur völlig unrealistisch und deshalb töricht; sie sind ein Ausdruck von religiöser Selbsttäuschung und nicht zu überbietender Arroganz und damit der Nährboden für eine fundamentalistische Einstellung, die auch Keime für lebensbedrohende Auswirkungen in sich trägt.

Nein, Aufklärung ist Befreiung des menschlichen Denkens aus  „seiner  selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (I. Kant). Aber: Das schließt zugleich die große und noch lange nicht bewältigte Aufgabe ein, mit dieser Freiheit auch verantwortungsvoll und nachhaltig umgehen zu lernen.

Diese Feststellung gilt auch für den Glauben an Gott und für die Theologie als das Denken über den Glauben an Gott. Wenn uns der Philosoph Immanuel Kant die “Gottesbeweise“ aus der Hand schlägt und wenn uns der unumkehrbare Prozess der Aufklärung in Bezug auf unsere Vorstellungen von Gott mit scharfer Kritik konfrontiert, dann mag das verständlicherweise zunächst irritierend, verunsichernd und auch erschütternd wirken. Zugleich aber stehen wir als Christen damit vor der Frage, ob wir das alles als  „Teufelswerk“ betrachten oder als eine zum Glauben selbst gehörende Krisenerfahrung, die uns von unseren selbstgemachten Gottesbildern befreien und näher zu Gott hinführen kann…

Wir hätten es wissen können, und wir hätten es auch wissen müssen! Doch leider haben wir das Bildergebot – das zweite der ursprünglichen Zehn Gebote (2.Mose20,4-6), das direkt vor dem Namensgebot (unserem Zweiten Gebot) steht –  zwischenzeitlich etwas aus dem Blick verloren. 
Die Bibel selbst gibt uns kritische Hinweise darauf, dass es nicht angemessen ist, von Gott wie von den Dingen dieser Welt zu denken und zu reden. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Rede, die Paulus auf dem Areopag in Athen, an der bedeutenden Stätte der griechischen Philosophie und Weisheit, gehalten hat. Lukas erzählt davon in Apostelgeschichte 17,16ff.  Auch Paulus kommt – wie wir alle – nicht darum herum, mit menschlichen Worten und Vorstellungen von Gott zu reden, aber er macht auch sehr deutlich, dass Gott damit nicht fixiert und definiert werden kann. Aufhorchen lassen dabei die Worte: Gott . . . wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. . . Denn in ihm leben, weben und sind wir.

Gott ist kein Ding, das be-griffen und ding-fest gemacht werden kann. Die Einsicht führt zu der Konsequenz: Einen Gott, den „es gibt‘, gibt es nicht. Dieser Satz klingt wie eine scharfe Behauptung aus einer atheistischen Propagandaschrift. Er stammt aber von Dietrich Bonhoeffer*, dem großen Glaubenszeugen, von dem wir Worte wie
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
kennen und lieben und singen (EG 65). Wie passt das zusammen??

Es passt! Gerade weil sich der Schöpfer aller Ding (EG 27,3) nicht selbst erschöpfen lässt, kann er uns unerschöpflich nahe sein.
Heißt das vielleicht, dass es beim Glauben eher auf das Gefühl als auf das Denken ankommt? Dieser Gedanke (!) liegt nahe. Auch Paulus hat in seiner Rede auf dem Areopag vom Fühlen Gottes gesprochen und auf die Dichter hingewiesen.
Sein Wort: Denn in ihm leben, weben und sind wir klingt pantheistisch – Gott ist überall und alles ist Gott.
Der Pantheismus wurde durch den jüdischen Philosophen Baruch Spinoza (1632-1677) bekannt und hat auch Goethe beeindruckt und beeinflusst.

Ist das vielleicht die Lösung? Gott ist eben einfach in allem und überall!
Das klingt verlockend, aber schon der Volksmund bringt uns die Ernüchterung: Überall und nirgends! 
Wenn wir „Gott“ gleichsam in der Gesamtwirklichkeit aufgehen lassen, dann haben wir ihn damit auch aufgelöst wie ein Stück Zucker in der Limonade. Und damit verliert er jede Relevanz, weil er auf diese Weise aufhört, ein Gegenüber zu sein.

Doch der Gedankengang war trotzdem nicht umsonst. Er zeigt uns, dass die Wirklichkeit Gottes umfassender und komplexer ist, als dass sie durch einen strengen, gedanklich fixierten “Monotheismus“ voll erfasst und begriffen werden könnte.

Wenn wir uns an die Aussagen der Bibel halten, dann hören wir dort, dass Gott zuerst VOR und ÜBER uns ist, und uns dabei – das ist besonders wichtig! – zu einem GEGENÜBER wird, das uns anspricht und damit einen unbedingten Anspruch und eine unbedingte Zusage verbindet. Der biblische Gott ist verbindlich, weil er sich mit den Menschen für das Leben verbündet und sie damit auch untereinander verbindet. Als verbindlicher Gott ist er auch MIT und FÜR uns da. Durch Jesus wird uns der HERR und Schöpfer gleichzeitig zum Vater, und in Jesus als dem Christus und Sohn Gottes wird uns Gott selbst zum mitleidenden Bruder und Erlöser. Daran dürfen wir uns halten, und weil wir das alles nicht fassen (!) können, lässt uns dieser Gott damit auch nicht allein, sondern wirkt mit seinem verbindlichen Heiligen Geist und Wort auch IN und DURCH uns als Beistand, Tröster und Vollender.                  

4.

Wo sind wir jetzt gelandet?
Genau bei der Lehre von der Heiligen Dreifaltigkeit! Sie ist kein überflüssiges Relikt aus der Vergangenheit, sondern eine unschätzbare Hilfe für den christlichen Glauben, weil sie uns auf die Komplexität und Fülle unserer Gottesbeziehung  hinweist. Gott ist …
die Liebe (1Joh4,16)  und schon in sich selbst durch und durch Beziehung.
Ein Gott und doch personenhaft entfaltet zu einem unendlichen Liebesspiel mit immer neuen Begegnungen, zu denen er auch uns einlädt.

Was kann uns reicher machen?
Was kann wichtiger werden?
Was kann schöner sein?

Bleiben wir bescheiden!
Wir stehen erst und wieder ganz am Anfang, die Fülle des christlichen Glaubens zu begreifen.
Aber wir haben schon viel gewonnen, wenn wir nach ihr fragen und suchen und es auch wieder wagen, miteinander über die zentralen Zusammenhänge dieses Glaubens nachzudenken und – warum nicht? – auch christlich zu streiten.

———————-
*Dietrich Bonhoeffer: Akt und Sein. In: Dietrich Bonhoeffer Werke Bd. 2. München 1988,  S.112.

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